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Später

"Ich setze mich in den Wald und denke nach" Worte, die mein Leben verändern sollten.

Es gab eine Zeit, in der ich weit, weit weg von mir war und wenn ich mir manchmal kurz begegnete, lachten wir meist über uns oder fragten einander, wer wir sind.
Es waren viele Jahre der Fragen, der fehlenden Antworten und der Stimmen, die ich nicht hörte. Je näher die Stimmen kamen um so größer meine Schritte, die mich wieder ein Stück weiter von den Antworten entfernten. Kein Hörgerät hätte mir die Stimmen meines Innersten laut und deutlich hören lassen, manchmal drang wohl ein leises Flüstern bis zu mir, doch wurde es gleich übertönt von 26 Buchstaben die ihre Reihenfolge willkürlich wählten.

Es kam aber der Tag an dem ich wußte, so geht es nicht mehr weiter. Noch wußte ich nicht, was wird, welche Schritte ich tun sollte, um endlich wieder das zu finden was mich glücklich macht. Auch wußte ich nicht was dies sein sollte, doch wußte,- oder besser gesagt, fühlte ich - wie der erste Schritt sein könnte.

"Ich fliege nach Indien, setze mich in den Wald und denke nach!".

Dies sagte ich eines Tages ganz spontan, es waren keine Überlegungen dabei, es war ein reines Bauchgefühl, ein tiefes, inneres Wissen, dass dies richtig sei.

Nicht viele meiner Freunde hatten Verständnis oder konnten meinen Entschluss nachvollziehen, doch tat dies nichts zur Sache. Ich hatte den Mut auf mich zu hören. Meinen sicheren Job bei den ÖBB gab ich auf, brach alle Zelte ab und ging auf die Suche. Bis heute habe ich keinen Tag diesen Entschluss bereut. In Indien fand ich wirklich wieder zu mir. Ich begann wieder zu malen.

Dieses Wiederfinden meines Kindheitstraumes entsprang einem glücklichen Zufall und meiner Bereitschaft, auf mein Gefühl zu achten.

Ich lebte damals bereits seit mehreren Monaten bei einer indischen Familie. Ich wurde von ihr als dreizehntes Mitglied aufgenommen, sie teilte mit mir das Wenige das sie hatten gerne, ohne Erwartung von mir etwas zurück zu bekommen.

Den ganzen Tag über hatte ich nichts zu tun, ich genoss einfach die Freiheit zu leben. Meine Beschäftigung war lediglich "meinen jüngeren Geschwistern" Englisch bei zu bringen und nachts schrieb ich Gedichte. Nach einiger Zeit war mir das aber zu wenig, ich wollte etwas Geld verdienen um auch ein wenig zum Familienbudget beisteuern.

Als ich Rasul - er war das Familienoberhaupt - fragte, wie ich Geld verdienen könne, schlug er vor, dass ich Drogen an Touristen verkaufen könnte. Dies war aber das Letzte, was ich tun wollte, und ich machte ihm klar, dass ich Künstler sei und dies das Einzige ist, das ich tun will.

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Da habe ich die ganzen Jahre nicht gewusst, was mir fehlte und dann so plötzlich kam es aus mir - Maler, Künstler zu sein, daran hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr gedacht.
Rasul sagte nichts. Er lief weg, murmelte etwas für mich Unverständliches und ließ mich mit meinem neuen Beruf alleine.
Einige Stunden später kamen alle Dorfbewohner - etwa siebzig an der Zahl - mit Staffelei und allem Zubehör, das zum Malen notwendig ist, zurück. Sie hatten die Utensilien in der Stadt besorgt, die Staffelei hatten sie sogar von einem Tischler anfertigen lassen. Und da standen sie nun, aufgereiht und in "Schale" geworfen erwarteten sie, dass ich von ihnen ein Gruppenbild malen würde.
Anfangs war mir schon etwas flau im Magen, ich wusste wohl, dass ich als Kind gut zeichnen konnte, aber ob ich das noch konnte, war ich mir nicht sicher. Vierzig Grad im Schatten und eine meiner schwersten Prüfungen brachten mich stark zum Schwitzen.

Ich habe die Prüfung mit standing Ovations bestanden und wusste mit Sicherheit, dass ich nichts Anderes mehr in meinem Leben tun würde.

Ich bereiste viele Teile der Welt mit Pinsel und Staffelei, verzichtete auf materielle Güter und andere Fesseln, um zu reifen und mich zu festigen.

Es gab noch viele Prüfungen denen ich begegnete. Ich bestand sie alle, sogar die Prüfung des Heimkehrens legte ich mit leichteren Schwierigkeiten ab.


Vor dem Atelier mit Teil eines unfertigen Bildes